Nein, Kohlensäure macht NICHT dick!

Gerade tönen sie wieder, die Wissenschaftsjournalisten. Die neuste Schlagzeile ist “Kohlensäure macht dick!” Und da wird lamentiert, dass Sprudelwasser dick machen würde, weil eine Studie das gezeigt hätte. Nur, naja, hat sie das gar nicht. Es ist mal wieder ein Fall von Inkompetenz des Journalismus. Von der Weigerung, eine Studie überhaupt mal zu lesen, bevor man über sie schreibt. Schämt euch, Journalisten, ihr seid peinlich. Genau sein, ist wichtig.

In der Studie von Dureen Samandar Eweis und Fida Abed unter der Leitung ihres Professors Johnny Stiban von der Birzeit Universität in Ramallah, West Bank/Palästina, wurde nichts dergleichen gefunden. Die Forscher haben im ersten Experiment Ratten eine sogenannte ad libitum Ernährung gegeben. D.h. sie durften essen, soviel sie wollen. Ratten sind mit dafür nicht ausgelegtem Futter wählerisch und regulieren ihr Körpergewicht in beneidenswerter Weise, indem sie einfach zu fressen aufhören. Wir Menschen übrigens auch, solange wir das richtige Essen zu uns nehmen. Siehe letzten Artikel.

Die Ratten wurden dann mit vier verschiedenen Getränken täglich gefüttert und ihr Gewichtszuwachs beobachten. Diese Getränke waren: Leitungswasser, ein zuckerhaltiger Softdrink bei dem die Kohlensäure durch Schütteln entwichen war (DgCB), ein regulärer Softdrink (RCB) und ein Diät Softdrink mit Aspartam als Süßstoff aber mit Kohlensäure (DCB). Wie wir sehen, kein Sprudelwasser. Sieht da irgendjemand Mineralwasser? Ich nicht. Sieht da irgendjemand drei Dinge, die SÜß sind und damit aufs Hirn wirken könnten? Ich ja. Welcher Softdrink es war, war jedoch ebenso nicht aus der Studie zu ersehen wie sein realer Kaloriengehalt.

Weiter im Text. Die Autoren untersuchten die Gewichtszunahme der Ratten über 100 Tage. Alle Ratten, die mit etwas süßem gefüttert wurden, legten an Körpergewicht zu. Alle anderen auch. Die Gruppe mit Leitungswasser legte am wenigsten zu, die DgCB am zweitwenigsten, während die RCB und DCB Gruppe stark zulegten. Die Forscher testeten auch die Ghrelin Werte in vivo im Blut und ex vivo, nachdem die Ratten getötet wurden. Die Leitungswasser- und DgCB-Gruppen hatten jeweils weniger Ghrelin im Blut und ihre Mägen schütteten weniger Ghrelin als Reaktion auf Kohlensäure aus. Die RCB und DCB Gruppe wiederum schütteten hohe Mengen Ghrelin aus. Ein Exkurs: Ghrelin ist ein Hormon, welches durch im Magen vorhandene Rezeptoren ausgeschüttet wird. Es stimuliert NPY/AGRp Neuronen und hemmt POMC Neuronen im Nucleus Arcuatus im Hypothalamus, einer der zentralen Schnittstelle für Regulation der Nahrungsaufnahme im Körper. Weiterhin testeten die Forscher den Blutzucker, die Fettwerte der Leber und das Cholesterin der Ratten. Es zeigte sich die gleiche Verteilung wie bei den anderen Werte. Leitungswasser niedrigste, DgCB zweitniedrigste, DCB Platz zwei, RCB Platz eins. Denken wir mal darüber nach. Schon mal brühwarme Cola getrunken? Schmeckt nicht, oder? Oder Cola ohne Kohlensäure? Ist auch nicht so geil. Der Geschmack dieser Getränke und ihr Erlebnis hängen mit Kohlensäure und Temperatur zusammen. Daher ist davon auszugehen, dass die Forscher hier in diesem Fall möglicherweise diesen Effekt gefunden haben.

Houston, we have a problem…

In einem zweiten Experiment wiederholten die Forscher das Experiment mit Menschen und dieses Mal nahmen sie nur Bezug auf Ghrelin Ausschüttung. 20 Probanden bekamen eine bestimmte standardisierte Mahlzeit und danach eine regulierte Menge eines Getränks. Die Probanden wiederholten diese Prozedere fünf Tage lang und es wurden jeweils nach einem standardisierten Zeitraum ihre Ghrelinwerte im Blut gemessen. Dieses Mal gab es zusätzlich zu den Zuckerdrinks auch einmal Mineralwasser mit Kohlensäure, dass es bei den Ratten nicht gab. Die Forscher fanden eine ebenso hohe Erhöhung von Ghrelin durch das Mineralwasser mit Kohlensäure wie durch den regulären Softdrink.

Die Forscher schlossen nun daraus, dass die Kohlensäure im Wasser Ghrelin ausschüttet und deswegen zu Hunger führen. Sie argumentieren weiterhin auf Seite 7 in Zeichnung 6 ihres Papers, dass der Prozess für Ghrelinausschüttung wie folgt wäre: Kohlensäure wird aufgenommen, bildet eine Blase von Gas im Magen. Diese Blase wiederum erzeugt Druck auf Mechanorezeptoren welches als Resultat nun Ghrelin ausschütten. Dadurch werden wir hungrig. Soweit, so gut.

Die Probleme der Studie sind jedoch mannigfaltig. Der erste Kritikpunkt meinerseits ist, dass im Rattenteil der Studie kein Sprudelwasser gereicht wurde. Der Übertrag auf Menschen als Miniexperiment mag dem Forschertrio erst spät als zündende Idee gekommen sein. Oder aber die Gruppe von Ratten, die Kohlensäure zu sich nahm, existierte bereits während des Experiments. Und wurde aufgrund der nicht passenden Ergebnisse fallen gelassen. So etwas kommt häufiger vor, als es sollte. Es ist natürlich Spekulation meinerseits. Dennoch ist daher zu kritisieren, dass es nicht der Geschmack sein musste, der die Ratten zum überfüttern gebracht hat. Da die Ratten hier kein Sprudelwasser bekommen haben, ist daher auch nicht möglich zu sagen, dass dies ihren Appetit angeregt hat. Der Effekt von Geschmack auf die Nahrungsaufnahme ist hingegen hinreichend bekannt, siehe Stephan Guyenets grandioses Buch “The Hungry Brain”, welches die letzten drei Jahrzehnte der Forschung in diesem Bereich zusammenfasst.

Kurios ist auch, dass der vorgeschlagene Mechanismus keinen Sinn macht. Ghrelin ist das Hormon, das ausgeschüttet wird, wenn wir hungrig sind. Also wenn unser Magen reell nicht gefüllt ist. Die bisherige Denkweise ist, dass Ghrelin vor allem im Magen ausgeschüttet wird, wenn die Efferenzen des Hirnstamms nicht stimuliert werden. Wir wissen, dass bestimmte Hungerhormone (Ghrelin, Cholecystokinin usw.)  auf den Nucleus Tractus Solitarius, einen Teil des Hirnstamms wirken. Wir wissen ebenso, dass über den Vagus Nerv ein direkter Kontakt zwischen Magen und Hirnstamm existiert, der unsere Energiezufuhr moduliert. Wenn wir nun den Magen dehnen, dann sollte dieser Effekt auch die Ausschüttung dieser Hormone beeinflussen. In Studien mit Menschen war das größtenteils bisher der Fall. Allerdings, in einigen Studien mit Ratten nicht. In einer Studie, die dieses Modell der Ghrelinausschüttung bezweifelt, wurden Ratten zwei verschiedene Lösungen in den Magen gepumpt, eine mit einer hohen Menge Glucose, eine war reines Wasser. Der Magen wurde dann mit einem Ballon kurzfristig behindert, so dass die Glucose im Magen schlechter ablief. Bei der Glucosegabe war bei der Ratte eine Verringerung der Ghrelinspiegel zu beobachten, bei der Gabe von Wasser nicht. Der Mechanismus ist somit noch etwas in den Wolken und könnte somit weitere Mechanismen erfordern, die hinter dem Magen liegen und/oder an Nährstoffe gebunden sind. Ob dieser Effekt somit zwischen Ratten und Menschen auch noch unterschiedlich ist, ist ebenso unklar und möglich. In Menschen ist jedoch klar, dass Ghrelin sinkt, wenn eine Mahlzeit gegessen wird, mit einer maximalen Reduktion um 30%. Shiiya et al. konnten zeigen, dass dies als Reaktion auf Glucose ebenso passiert wie auf Mahlzeiten.

We can neither confirm, nor deny, that this study is bullshit.

Um dicker zu werden, müssen wir mehr Energie zu uns nehmen. Ob wir als Menschen das tun, ist in der vorliegenden Studie von Eweis et al. jedoch nicht geklärt worden. Andere Studien haben sich genau diesem Thema jedoch angenommen. Eine Studie von Rosario Cuomo et al. gab Personen eine Reihe von Getränken, darunter Leistungswasser, Sprudelwasser und Sprite Zero mit oder ohne Kohlensäure (Hint Hint, gute Forscher geben an, was sie ihren Probanden geben und zwar genau!). Rosario et al. hatten einen sehr ähnlichen Versuchsaufbau wie Eweis et al.. Sie gaben allerdings noch eine weitere, entweder feste oder flüssige Mahlzeit hinterher und testeten jeweils, inwieweit die Probanden bei dieser freien Mahlzeit ihre ad libitum Energiezufuhr veränderten. Das Ergebnis: Es gab keinerlei Effekte zwischen den verschiedenen Drinks auf die Energiezufuhr. Es gab keine signifikanten Effekte auf CCK, jedoch ein paar nicht signifikante Trends in Richtung höher Fläche unter der Kurve bei Kohlensäure-Getränken. Es gab minimale nicht signifikante Effekte auf die Glucosesensibilität. Beim Ghrelin jedoch zeigte sich, dass die Zufuhr von Kohlensäure den Wert postprandial deutlich senkte, anstatt ihn wie in der Eweis Studie zu erhöhen. Die Probanden gaben ebenso signifikant weniger Verlangen zu Essen an, wenn sie die Getränke mit Kohlensäure zu sich nahmen. Und es zeigte sich, dass die Probanden mit einer niedrigeren Energiezufuhr zufrieden waren, wenn sie mit flüssiger Nahrung versorgt wurden.

Und genau dieses Ergebnis spiegelt die Ergebnisse einer Studie von Anne Moorhead et al. aus dem Jahr 2008 wieder, in denen diesmal zuckerhaltige Getränke gegen wurden. Diese gleichen Getränke wurden jemals von einer Firma mit verschiedenen Kohlensäuregraden angefertigt. Die Probanden wurden damit versorgt und bis zur nächsten Mahlzeit nach ihren Sattheitsgefühlen befragt. Die Menge der zugeführten Nahrung einer ad libitum Mahlzeit wurden ebenso überprüft. Das Ergebnis war, dass eine höhere Menge Kohlensäure zu höherer berichteter Sattheit führt. Ebenso haben die Probanden desto weniger gegessen, je mehr Kohlensäure vorhanden war.

Fazit

Die Ergebnisse von Eweis et al. machen gerade Schlagzeilen, aber leider noch nicht viel Sinn. Sie haben insbesondere im Angesicht des Mechanismus der propagiert wird, leider Lücken. Da die entscheidende Frage, nämlich ob die Ratten auch genauso auf Sprudelwasser reagiert hätten, in der Studie nicht geklärt wurde, sollten wir sie nicht zu heiß kochen. Ebenso steht die Studie im Widerspruch zu anderen Studien, die die reale Nahrungsaufnahme an Menschen getestet haben und einen Effekt unabhängig von der Art des Getränks gefunden haben, die eine höhere Sattheit und reduzierte Nahrungsaufnahme in Reaktion auf Kohlensäure zeigen. Also, nein liebe Journalisten, Kohlensäure macht nicht dick. Bitte das nächste Mal besser aufpassen.

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